Nr.1-2009

Geschichte der Anti-Apartheid-Bewegung

© issa

Der Kampf gegen Kolonialherrschaft im Südlichen Afrika und gegen Apartheid bestimmte wichtige Teile der Solidaritätsbewegung in Westdeutschland und anderswo länger als jede andere regional umschriebene Auseinandersetzung, auch wenn Vietnam oder Nikaragua in kürzeren Zeiträumen weit mehr Aufmerksamkeit und Mobilisierungseffekte erzielten. Nicht von ungefähr war daher die 1974 formell gegründete Anti-Apartheid-Bewegung (AAB) auch eine der Organisationen mit der längsten Lebensdauer in diesem gesamten Spektrum. Auf die erfolgreiche Durchsetzung der Mehrheitsherrschaft in Südafrika 1994 folgte die Umbenennung in „Afrika Süd Aktionsbündnis“, und die Organisation bestand noch knapp sieben Jahre fort, bevor sie sich in die „Koordination Südliches Afrika“ auflöste. Dazwischen lagen ereignisreiche Jahre und harte Auseinandersetzungen, die das hier besprochene Buch „Kauft keine Früchte aus Südafrika!“ – Geschichte der Anti-Apartheid-Bewegung nachzuzeichnen übernimmt.

Reinhart Kößler

Das bei Brandes&Aspel erschienene Buch beruht überwiegend auf Vorstandsakten der AAB. Der größte Teil der Darstellung ist thematisch aufgebaut. Es geht vor allem um die großen Themen, durch die die AAB fast von Beginn an öffentliches Profil gewonnen hat und die sich durch den größten Teil ihrer Geschichte hindurchziehen: anfangs der Protest gegen die Werbekampagnen für Outspan-Orangen in deutschen Supermärkten, sehr bald aber die militärisch-nukleare Zusammenarbeit zwischen der Bundesrepublik und dem Apartheidsstaat; in den 1980er Jahren kam die langjährige Kampagne gegen deutsche Banken hinzu, die auch dann noch entscheidend dazu beitrugen, das Rassistenregime zu finanzieren, als dieses bereits in große Schwierigkeiten geraten war und andere Unterstützer sich zurückzogen.

Ein eigenes Kapitel ist dem „Engagement für Namibia“ gewidmet, weitere behandeln die Beziehungen der AAB zu den Befreiungsbewegungen sowie die Aktivitäten während der 1980er Jahre, als sich das Ende des Apartheidregimes abzuzeichnen begann. Schließlich wird der doppelte Prozess nachgezeichnet, in dem sich „der ANC auf dem Weg zur Macht“, die AAB aber „auf der Suche nach einer neuen Identität“ befanden.

Der Band wird abgerundet durch ausführliche Anhänge, in denen „die AAB als Organisation“, Hintergründe zu Südafrika und Namibia sowie Selbstdarstellungen der nach wie vor bestehenden Anlaufstellen enthalten sind. Letztere sind der Mainzer Arbeitskreis Südliches Afrika (MAKSA), ISSA, KOSA, die Kirchliche Arbeitsstelle Südliches Afrika (KASA) sowie das Archiv für alternatives Schrifttum (AFAS), das die Archivbestände der AAB aufgenommen hat und in dessen Kontext der Text auch entstanden ist.

Die Stärke des Bandes liegt ganz eindeutig in seiner Quellennähe: Die Darstellung beruht erkennbar sehr unmittelbar auf der recht umfassenden Auswertung des Archivs, insbesondere der Vorstandsakten, ergänzt durch einige private Aktenbestände und – überraschend wenige – Interviews mit einigen der Hauptakteure. Dadurch lassen sich vor allem die großen Kampagnen und an erster Stelle die langwierige Auseinandersetzung mit der sozialliberalen Bundesregierung über die militärisch-nukleare Zusammenarbeit recht detailliert nachvollziehen.

Diese Schwerpunktsetzung bringt freilich zugleich auch Probleme mit sich: Der Text reproduziert über weite Strecken die Sichtweisen und Problemdefinitionen des AAB-Vorstandes zum jeweiligen Zeitpunkt. Das liest sich deutlich interessanter für die wenigen Abschnitte vor allem während der 1970er Jahre, als innerhalb des Vorstandes politische Kontroversen ausgetragen wurden. Dabei ging es zunächst darum, den Ort der neu gegründeten, auf eine spezifische Region orientierten Organisation innerhalb eines damals recht breiten Spektrums politischer Strömungen der Neuen Linken, aber auch in der Beziehung zu den Kirchen zu finden, wo insbesondere in der Evangelischen Kirche Deutschlands scharfe Auseinandersetzungen über die Einschätzung des Apartheidregimes und die Formen geführt wurden, in denen eine Unterstützung der Befreiungsbewegungen zulässig sei.

Noch brisanter waren kurz darauf die Rückwirkungen der Ereignisse in Südafrika selbst: Die – hier nur mit „Soweto“ und „Schüleraufstand“ kodierten – 1976 einsetzenden Kämpfe in den Townships mobilisierten nicht zuletzt auch neue Wellen politisch aktiver Südafrikaner, die ins Exil gingen und dort ihre über die Bekämpfung des Rassismus hinaus teilweise sehr unterschiedlichen und untereinander kontroversen Zielsetzungen verfolgten. Die Solidaritätsbewegung und mit ihr die AAB stand vor der Frage, in welchem Maße sie auf den offenkundigen Pluralismus in der südafrikanischen Widerstandsbewegung eingehen sollte. Die faktische Spaltung der Vorstandsgruppe beendete dann die Grundsatzdebatten zugunsten einer strikten Orientierung am ANC für Südafrika sowie an der Swapo für Namibia; die noch schwierigeren Verhältnisse der simbabwischen Befreiungsbewegung werden im Buch nicht wirklich angesprochen.

Es hätte der Darstellung einiges an Farbe gegeben, wenn die unterschiedlichen Prozesse, die in alldem ihren Ausdruck fanden, stärker mit einbezogen und aus mehreren Perspektiven behandelt worden wären. Hier wurde ein Zugriff gewählt, der sich so gut wie ausschließlich auf Materialien der AAB selbst beschränkt – bis zu dem Punkt, dass beispielsweise die Darstellung des Früchteboykotts der Evangelischen Frauenarbeit von Edda Stelck (Politik mit dem Einkaufskorb, 1980) oder die umfassende Analyse der Nuclear Axis von Zdenek Cervenka und Barbara Rogers (1978) nicht einmal erwähnt werden. Das ist nicht nur methodisch fragwürdig, sondern trägt auch nicht gerade dazu bei, die Lektüre über eigentlich sehr interessante Ereignisse und Probleme spannend zu gestalten. Über lange Strecken liest sich der Text wie ein Rechenschafts- oder Tätigkeitsbericht ndash& und wer mag schon 150 Seiten Tätigkeitsbericht lesen?

Wie gesagt: Einzelne mögen in dieser Darstellungsform sehr wohl ihre Aktivitäten, ihre Opfer an Zeit und Energie und auch ihren Mut und ihre Selbstüberwindung bei der Überschreitung von bürgerlichen Normen wiederfinden, die alle erforderlich waren, um den Kampagnen der AAB ein Höchstmaß der notwendigen Öffentlichkeit und breite Präsenz auch in der Fläche zu verleihen. Wenn man heute mit Akteurinnen von damals spricht, kommt die Rede sehr schnell auf diese Fragen und Erinnerungen. Nur leider haben Jürgen Bacia und Dorothée Leidig sich nicht auf diese Möglichkeit eingelassen, ihre Darstellung durch stärkere Einbeziehung einer Komponente der oral history und damit der Perspektive derer, die vor Ort agiert haben, zu bereichern und zu differenzieren. Ebenso wenig wurden die Aktenbestände der Ortsgruppen ausgewertet.

All dies könnte die AAB in ihrer Vielschichtigkeit und Lebendigkeit klarer erkennbar machen, als nur etwa der dürre Verweis, dass sich die Ortsgruppe in Bremen einmal gespalten hat oder andere unter anderem Namen als AAB firmierten. Zugleich aber geht diese Darstellungsweise auch auf Struktur und Schwerpunktsetzung innerhalb der AAB zurück und verdeutlicht sie einmal mehr, insbesondere die große, entscheidende Rolle der frühzeitig in Bonn angesiedelten Geschäftsstelle und ihrer zentralen Arbeitsfelder. Gerade die militärisch-nukleare Zusammenarbeit und die Rolle der deutschen Banken erforderten eine Unmasse detailliertester Recherche-Arbeit. Sie im gegebenen Rahmen auch nur ansatzweise wiedergeben zu wollen, wäre schlicht vermessen gewesen.

Vom Gesichtspunkt der AAB als einer der wichtigsten Organisationskerne der Solidaritätsbewegung – einer der wesentlichen „neuen sozialen Bewegungen“ im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts – aus gesehen, wäre es aber spannend, die Frage zu verfolgen, welche Auswirkungen diese großen Anstrengungen auf die Kommunikation innerhalb der Gesamtorganisation und auf ihre alltäglichen Funktionsabläufe über die Geschäftsstelle hinaus hatten, nicht zuletzt auf das interne Wissensregime der AAB.

Ähnlich steht es mit dem weiteren Umfeld der Solidaritätsbewegung, aus dem die AAB 1974 hervorging und mit dem sie zeit ihrer Existenz in unterschiedlichen Beziehungen der Kooperation, aber auch der kritischen Auseinandersetzung stand. Gerade diejenigen, die nicht dabei gewesen sind, werden mit weitgehend pauschalen Zuordnungen wie „Maoisten“, „Revisionisten“ – zudem immer eine feindliche Fremdbezeichnung –, „Spontaneisten“ usw. kaum etwas anfangen können. Andererseits ist die für die breite, gesellschaftliche Bewegung gegen Apartheid zentrale Rolle der Kirchen kaum verständlich, wenn die schweren Auseinandersetzungen um das Programm zur Bekämpfung des Rassismus des Weltkirchenrates und seinen Sonderfonds ebenso wenig erwähnt werden wie das 1977 im Muldergate-Skandal aufgedeckte unmittelbare Eingreifen des südafrikanischen Informationsministeriums in diesen Konflikt. Viel zu wenig wird deutlich, wie unmittelbar und existenziell viele AAB-Mitglieder in diese Auseinandersetzung verwickelt waren.

Auch in anderer Hinsicht liegt der Akzent sehr viel mehr und m.E. allzu sehr auf Organisation statt auf Bewegung. Die „Befreiungsbewegungen“ treten ausschließlich in Gestalt ihrer – soweit genannt – durchweg männlichen Vertreter in der Bundesrepublik, eventuell auch in Westeuropa oder auf internationalen Konferenzen in Erscheinung, am Schluss auch in der schmerzlichen Einsicht, dass Nelson Mandela bei seinem ersten Deutschland-Besuch eher Zeit für die Regierenden als für die AAB und andere Solidaritätsorganisationen hatte. Darüber bleibt merkwürdig unterbelichtet, was tatsächlich in Südafrika während der grob 27 Jahre des Bestehens der AAB geschah. Ganz sicherlich wussten gerade die Gründerinnen und Gründer sehr gut darüber Bescheid – die Antwort des MAKSA, von dem die Initiative zur Gründung der AAB ausging, an den Bundesbankpräsidenten Klasen, als dieser 1974 ein kritisches Gespräch wegen seines Besuchs in Südafrika damit abgebügelt hatte, an Ort und Stelle sehe man die Dinge mit anderen Augen, war schlagend: Im Arbeitskreis seien 164 Jahre Südafrika- und Namibia-Erfahrung versammelt (26).

Dennoch: Das Wissen um die Zustände, die sozialen und politischen Kämpfe, die Auseinandersetzungen um deren Einschätzung treten klar hinter die Beschreibung von Aktionen zurück, die sich aus völlig legitimen und verständlichen Gründen zuerst an und gegen Instanzen in Westdeutschland richteten. So werden die Aufstände des Jahres 1976 erst auf Seite116 eher nebenher erwähnt, eine kurze Darstellung findet sich im Anhang als „Hintergrund“ (232ff). Gerade wenn es zutrifft, dass diese Geschichte der AAB weitgehend die Diskurse und Überlegungen des Vorstandes reproduziert, ist das keine Kleinigkeit, denn es geht darum, mit wem Solidarität geübt wurde – mit Organisationen und deren Repräsentanten oder mit den Erniedrigten und Beleidigten und ihrem Widerstand. Wer auch nur ein wenig von der Geschichte der UDF in Südafrika und der Art weiß, wie sie vom ANC nach dessen Legalisierung an die Seite gedrängt wurde, sollte sich darüber im Klaren sein, dass diese Problematik gerade aus der Rückschau, wo es auch um eine Bewertung und Einordnung geht, von zentraler Bedeutung ist.

Das attraktive Bild von David und Goliath hat ja durchaus seine Berechtigung: „Der kleinen Anti-Apartheid-Bewegung war es gelungen, große Konzerne oder Banken vor der UNO bloßzustellen und die Bundesregierung der internationalen Kritik auszusetzen“ (79). Das kann aber nicht alles sein, gerade auch aus der Perspektive des Jahres 2008. In einer Situation, wo der südafrikanische Karikaturist Zapiro nachvollziehbar Anlass sieht, die vier apokalyptischen Reiter nicht nur Robert Mugabe, sondern wegen „300.000 Aids-Toten“ und „stiller Diplomatie“ gegenüber dem Zanu-Regime auch Thabo Mbeki in ihren Klub aufnehmen zu lassen, ist die Forderung an die Solidaritätsbewegung auch retrospektiv noch mehr berechtigt denn je: zu klären und klar zu sagen, mit wem man es denn halten will und mit wem nicht, oder anders: sich darüber auseinanderzusetzen und klar zu werden, mit wem man es gehalten hat.

Aus der Rückschau war die fast ausschließliche Konzentration auf die prospektiven Herrschaftseliten zwar gewiss nachvollziehbar, vermutlich aber nicht die beste Wahl und sicher nicht über alle Kritik erhaben. Es kennzeichnet den Zugriff des Buches, dass die Andeutung solcher Überlegungen Ingeborg Wick, der langjährigen Geschäftsführerin und Zentralfigur der AAB, zugewiesen wird. Sie wird aus einem bilanzierenden Text aus dem informationsdienst südlichen afrika

1991/3 (heute afrika süd) zu der Frage zitiert, warum die AAB anders als ihre Schwesterorganisationen in USA, Großbritannien, den Niederlanden oder Skandinavien nicht zu einer Massenbewegung geworden sei. Wick sieht Gründe dafür zum einen in der zentralen „Frontstellung gegen die Bonner Regierungspolitik“, hinter der der „menschenverachtende Charakter der Apartheid“ zu sehr in den Hintergrund getreten sei, was auch bedeutet habe, dass „’humanitäre Kampagnen’ immer der Boykottarbeit nachgeordnet worden“ seien (250).

Liest man Wicks sehr offenen, auch selbstkritischen Überlegungen heute, so gehen sie weit über die zaghaften Versuche einer kritischen Einschätzung hinaus, die diese Geschichte bietet. Gerade aus heutiger Sicht, wo aller Anlass besteht, über die Militarisierung des politischen Denkens und ihre Konsequenzen in der Region sehr ernsthaft nachzudenken, fehlt insbesondere eine gründlichere Befassung mit der Art und Weise, wie in der AAB die Problematik des bewaffneten Kampfes diskutiert (oder verdrängt?) wurde – kein leichtes Thema, so sollte man meinen, für Kirchenleute oder Kriegsdienstverweigerer, die unter den Mitgliedern zweifellos stark repräsentiert waren. Der kurze Verweis auf die Schwierigkeiten bei der Herstellung eines breiten Bündnisses mit der in den 1980er Jahren stark aufkommenden Friedensbewegung reicht hier sicher nicht aus.

Diese kritischen Anmerkungen sollen keineswegs den Blick dafür verstellen, dass hier das geleistet wurde, was Bacia und Leidig in ihrem „Nachwort“ für sich in Anspruch nehmen: „Die Geschichte der AAB ist so komplex und hat sich auf so vielen Ebenen abgespielt, dass hier nur einige Breschen geschlagen und die wichtigsten Aktivitäten exemplarisch geschildert werden konnten“. Insbesondere betonen sie selbst, dass ihre Arbeit „bei aller Quellentreue ... wissenschaftliche Untersuchungen“ nicht ersetzen könne (285). Dieser erste und substanzielle Anlauf ist daher ein Beitrag zu einem nur zögerlich in Gang kommenden Forschungsfeld, das im Kontext der neuen sozialen Bewegungen die Dritte-Welt-Bewegung und innerhalb ihrer besonders die Solidarität mit den Befreiungskämpfen im Südlichen Afrika zu thematisieren hätte.

Jürgen Bacia & Dorothée Leidig
„Kauft keine Früchte aus Südafrika!“ Geschichte der Anti-Apartheid-Bewegung
Frankfurt am Main: Brandes & Apsel 2008, 356 S.


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