Nr.2-2009

Rotlicht 2010

© issa

Schutz von Frauen und Kindern vor sexueller Ausbeutung

Südafrikas WM-Planer sind schon jetzt in Feierlaune. Die Fußballweltmeisterschaft 2010 soll Südafrika in strahlendem Glanz erscheinen lassen. Gleichzeitig erhofft man sich einen Aufschwung, der über die hohen Kosten für dieses Großereignis hinaus zu einem nachhaltigen Wirtschaftswachstum führen soll – auch für das florierende Gewerbe der Prostitution.

Rita Schäfer

Wie viele andere Wirtschaftszweige Südafrikas rechnet auch das bereits florierende Gewerbe mit der Prostitution mit großen Gewinnen aus der Fußball-WM. Diese Erwartungen führen zu heftigen Debatten zwischen staatlichen Entscheidungsträgern und unterschiedlichen zivilgesellschaftlichen Gruppen. Dazu zählen einerseits Frauen- und Kinderrechtsorganisationen und andererseits traditionsorientierte Kulturnationalisten und Vertreter von Pfingstkirchen. Zentraler Streitpunkt ist die Frage, ob die Prostitution in Südafrika während der WM legalisiert werden sollte.

Legalisierung von Prostitution?
Bereits Ende März 2007 schlug der damalige Polizeichef Jackie Selebi dem Parlament vor, die Prostitution für den Zeitraum der WM durch Sonderregelungen an bestimmten Orten zu erlauben. Zwar wurde Selebi inzwischen wegen enger Kontakte mit dem organisierten Verbrechen abgesetzt, dennoch griffen einzelne ANC-Parlamentarier den Vorschlag auf. Sie meinten, die Legalisierung der Prostitution und des Trinkens von Alkohol auf öffentlichen Plätzen – auch das ist offiziell verboten – würde der Sicherheit, den Steuereinnahmen, der angestrebten Kundenfreundlichkeit und der offiziellen Kampagne „Proud South African“ während der WM dienen.

Mitte 2008 löste ein vergleichbarer Vorschlag städtischer Entscheidungsträger in Durban einen Sturm der Empörung aus. Dabei warfen die Inkatha-Partei und die Inkatha Youth League den städtischen Planern vor, sie würden die Ubuntu genannte traditionelle Gemeinschaftsorientierung und Familienwerte verraten. Die Jugend würde ernsthaft gefährdet und die moralische Erneuerung des Landes aufs Spiel gesetzt. Die Inkatha-Vertreter unterstrichen, dass bereits die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen ein großer Fehler der Regierung gewesen sei und man nun mit allen Kräften verhindern werde, den moralischen Zusammenhalt der Nation weiter zu gefährden.

Umgehend erhielten die Inkatha-Vertreter Schützenhilfe von fundamentalistischen Kirchenmännern, die sich ebenfalls als Hüter der Moral verstanden. Sie lehnen ebenfalls die Legalisierung der Prostitution und der Schwangerschaftsabbrüche ab, doch ergänzen sie das Spektrum der Unmoral noch um die Homosexualität. Einflussreiche Kirchenvertreter kündigten an, vor das Verfassungsgericht zu ziehen, um die Legalisierung der Prostitution während der WM zu verhindern. Bislang positionierten sich Chöre einiger Pfingstkirchen auf dem Straßenstrich in Durban und vor Bordellen. Dort versuchten sie, durch ihre Präsenz und ihre Gesänge den Zuhältern das Geschäft zu verderben. Im Gegenzug bewarfen Zuhälter die Sänger mit Kondomen und Flüssigkeiten, von denen sie behaupteten, diese seien mit HIV verseucht.

Dem bizarr anmutenden, religiös-ideologisch und politisch aufgeladenen Streit liegt das große Problem zugrunde, wie Frauen, Mädchen und Jungen vor sexueller Ausbeutung und Menschenhandel geschützt werden können. So hat das regionale Netzwerk von Frauenrechtsexpertinnen Women and Law in Southern Africa Research and Education Trust (WLSA) in Zusammenarbeit mit Frauenorganisationen wie der Federation of African Media Women und Gender Links eine große Öffentlichkeitskampagne zum Schutz vor Zwangsprostitution gestartet. Mit ideenreichen Medien- und Schulprogrammen wollen sie möglichst viele Menschen im Südlichen Afrika vor dieser Gewaltform warnen. Zudem fordern sie Regierungsinitiativen zum Kampf gegen Menschenhandel und die verbreitete Korruption sowie die Bestrafung von Schleppern. Dabei beziehen sie sich auf Regierungsverpflichtungen durch internationale Konventionen und SADC-Vereinbarungen.

Diese Abkommen sowie nationale Rechtsgrundlagen und ein Aktionsplan zum Kinderschutz bilden auch die Basis für die Lobby- und Bewusstseinsarbeit des Southern African Network against Trafficing and Abuse of Children (SANTAC) unter der Schirmherrschaft von Erzbischof Desmond Tutu und Graca Machel, der Ehefrau Nelson Mandelas. Ebenso wie Menschenrechtsexperten befürchten diese Frauen- und Kinderrechtsorganisationen, dass die Legalisierung der Prostitution die jetzt bereits verbreitete Zwangsprostitution dramatisch ausweiten wird, zumal die Polizei schon heute mit der Verbrechensbekämpfung überfordert ist.

Etablierte Strukturen
Die Herausforderungen, die diese Initiativen bewältigen müssen, lassen sich nur dann adäquat erfassen, wenn man die aktuelle Situation und die bisherige Entwicklung des Rotlichtmilieus genauer beleuchtet. Offiziell ist die Prostitution in Südafrika nach wie vor verboten, dennoch werden Bordelle und Nachtclubs von der Polizei weitgehend toleriert. Die Ausbeutung der dort tätigen Prostituierten wird geduldet, obwohl sie zehn oder mehr Stunden täglich Freiern zur Verfügung stehen müssen und oft nur 30-60 Prozent des Geldes erhalten, das die Freier an die Besitzer der Etablissements zahlen. Äußerst selten finden Polizeikontrollen statt, sie beschränken sich oft darauf herauszufinden, ob Drogen gehandelt werden. Gelegentlich zählen die Polizisten selbst zu den Kunden. Deshalb schaffen diese „Vergnügungsbetriebe“ auch eine Grauzone für die erzwungene Prostitution von Frauen und Mädchen, die mit falschen Versprechungen von Schleppern angeworben wurden.

Die Kapstädter Kinderrechtsorganisation Molo Songololo wies bereits vor einigen Jahren darauf hin, dass neben kriminellen Banden nicht selten Verwandte der Zwangsprostituierten als Schlepper agierten – und zwar in Südafrika und in seinen Nachbarländern. Molo Songololo führt diese Form des Machtmissbrauchs keineswegs nur auf die grassierende Armut in der ganzen Region zurück, sondern geht von einem komplexen Faktorenbündel als Problemursache aus: Dieses umfasst aufgebrochene Familienstrukturen, Vernachlässigung, häusliche Gewalt sowie die steigende Zahl von Aids-Waisen und Teenager-Haushalten. Hinzu kommen Männlichkeitsdefinitionen im Sinn besitzergreifender Sexualität insbesondere gegenüber Mädchen, von denen man sich erhofft, dass sie noch nicht HIV-positiv sind. Allein zwischen April und Dezember 2007 wurden 16.000 Vergewaltigungen von Mädchen polizeilich registriert, wobei die Dunkelziffern weitaus höher sind.

Eine Personengruppe, die gewaltbereite und sexistische Maskulinitätsmuster in die Tat umsetzt und männlichen Jugendlichen als Norm vorlebt, sind die Lehrer. Neben den desolaten Elternhäusern sind viele Lehrer mitverantwortlich dafür, die Persönlichkeit und den Widerstand der Mädchen zu brechen, weil sie ihre Machtstellung ausnutzen und mehrheitlich dafür nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Bereits 2001 hatte die internationale Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch in einer landesweiten Studie die dramatischen Ausmaße des sexuellen Missbrauchs durch Lehrer publik gemacht. Seitdem haben sich diese Probleme noch verschärft, die Kinderorganisation Childline geht davon aus, dass jedes vierte Mädchen vor seinem 16. Lebensjahr vergewaltigt wird. Der mangelnde Schutz durch das jeweilige soziale Umfeld und die anerzogene Autoritätshörigkeit tragen zur Ausweglosigkeit der Mädchen bei.

Besonders problematisch ist die Situation derjenigen, die aus den Nachbarländern angeworben werden und sich in Hinterhofbordellen oder in den Wohnheimen der Wanderarbeiter verdingen müssen. Die internationale Organisation für Migration (IOM) rechnete bereits 2003 damit, dass jährlich mindestens 1000 Mädchen und junge Frauen aus Mosambik nach Südafrika geholt werden, wobei der Jahresverdienst der mosambikanischen Schlepper und der südafrikanischen Zuhälter mindestens eine Million Rand ausmachte. Wegen der rigiden Aufenthaltsgesetze in Südafrika schrecken die Verschleppten davor zurück, sich Vertretern staatlicher Institutionen anzuvertrauen. Schließlich halten sie sich illegal im Land auf und die Abschiebungspraxis der Behörden ist rigide.

Die IOM weist darauf hin, dass inzwischen auch nigerianische Syndikate, chinesische Triaden sowie die russische und bulgarische Mafia in den lukrativen Menschenhandel am Kap eingestiegen sind. Somit ist Südafrika sowohl ein Zielland und gleichzeitig eine Drehscheibe für den Weitertransport von Prostituierten z.B. nach Europa. Während junge Chinesinnen bereits mit über 12.000 US-Dollar „Gebühren“ verschuldet sind, wenn sie südafrikanischen Boden betreten, verlangen nigerianische Mittelsfrauen in Europa für eine Afrikanerin über 40.000 US-Dollar. Dieses Geschäftsgebaren gibt Hinweise darauf, dass nicht nur Männer am internationalen Mädchenhandel verdienen. Die IOM weist darauf hin, dass auch die russischen und bulgarischen Mafiabosse gefährliche Kriminelle sind. Mehrheitlich handelt es sich um entlassene Offiziere und andere Militärs, die nicht davor zurückschrecken, den Familienangehörigen ihrer „menschlichen Ware“ Gewalt anzutun, wenn sich die jungen Frauen wehren, die sie aus Russland und Osteuropa nach Südafrika bringen. Dort müssen sie „exotische Bedürfnisse anspruchsvoller Kunden“ bedienen.

Häufig sind die Freier Weiße, deren bekannt gewordenes Verhalten gegenüber Kindern aus Lesotho illustriert, dass es bei Zwangsprostitution keineswegs um die monetäre Befriedigung sexueller Lust geht, sondern um Machtmissbrauch und Gewalt. So berichtet die IOM, dass Gruppen weißer Männer sich Kinder aus Lesotho holen, um sie gemeinsam tagelang zu erniedrigen und sadistisch zu quälen. Nach diesen rassistisch-sexistischen Exzessen werden die schwer traumatisierten Kinder irgendwo ausgesetzt und enden oft als drogenabhängige Straßenkinder, soweit sie die Torturen überhaupt überleben.

Gegenstrategien
Neben nationalen und internationalen Menschenrechtsorganisationen und der IOM setzen sich auch das Internationale Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) und die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) seit Jahren mit diesen Problemen auseinander. Ihre Studien nehmen auf internationale Abkommen gegen das organisierte Verbrechen Bezug und enthalten Vorschläge für die transnationale Kooperation staatlicher Institutionen und Empfehlungen für die südafrikanische Polizei. Seit 2004 befasst sich auch die südafrikanische Rechtsreformkommission mit dem Menschenhandel und hat Vorgaben für Gesetzesnovellen erarbeitet. Dazu kooperiert sie mit der Abteilung für Sexualverbrechen innerhalb der nationalen Strafjustiz. Während der letzten Jahre war es ihre Aufgabe, eine multi-sektorale Strategie und darauf aufbauend einen nationalen Aktionsplan gegen Menschenhandel zu erarbeiten. Zudem sollte sie eine sektorübergreifende Arbeitsgruppe koordinieren.

Menschenrechtsexperten warfen dieser Arbeitsgruppe vor, während des ganzen Jahres 2007 untätig gewesen zu sein. Zudem kritisierten sie, dass viele Behördenvertreter korrupt seien und Menschenhandel duldeten. 2008 wurde eine neue Koordinationsstelle innerhalb der Strafjustiz geschaffen, die Abhilfe schaffen soll. Südafrikanische Frauen- und Kinderrechtsorganisationen fordern seit langem, dass die bereits vorhandenen Gesetze zum Schutz vor geschlechtsspezifischer Gewalt umgesetzt werden.

Demgegenüber bringt die Kapstädter Organisation Sex Worker Education and Advocacy Team (SWEAT) andere Argumente vor. Sie verlangt die Legalisierung der Prostitution, vorrangig um die Verhandlungsmacht von Frauen und Mädchen auf dem Straßenstrich zu stärken und die Gewalt gegen sie zu reduzieren. Dabei geht SWEAT davon aus, dass es 2008 vergleichsweise wenige ausländische Zwangsprostituierte gab, weil genug junge Südafrikanerinnen angesichts mangelnder Arbeitsmöglichkeiten oder aus Existenznot sexuelle Dienstleistungen anboten und sie dabei vergleichsweise gute Verdienstmöglichkeiten hatten.

Wegen dieser strittigen Einschätzung wird SWEAT vorgeworfen, sie würden die Prostitution als glamouröses Gewerbe romantisieren und die inhärenten Ausbeutungsstrukturen übertünchen. Südafrikanische Frauenrechtsexpertinnen schätzen, dass die zahlreichen minderjährigen Prostituierten zum Teil aus den Nachbarländern kommen und mit Drogen gefügig gemacht werden. Sie lehnen die Legalisierung der Prostitution ab, weil das die kriminellen Netzwerke nicht beeinträchtigen, sondern sogar noch fördern würde. Demgegenüber ignoriert SWEAT die große Bedeutung mächtiger lokaler und international vernetzter krimineller Banden, die Mädchen auf den Straßenstrich schicken.

Immerhin gibt SWEAT zu bedenken, dass die Prostituierten gegenüber ihren Kunden keine Verhandlungsmacht hätten, um die Benutzung von Kondomen zu fordern. Deshalb wären sie in besonderem Maße davon bedroht, sich mit HIV und Geschlechtskrankheiten zu infizieren. Allerdings weist SWEAT darauf hin, dass die Nachfrage nach sehr jungen und ausländischen Mädchen steigt. Die Freier würden „anspruchsvoller“ und hofften, dass diese Mädchen noch nicht infiziert seien.

Fraglich ist, wie sich die Fußballfans während der WM 2010 verhalten werden. Bislang scheint das Thema für Berater ausländischer Fanclubs heikel zu sein. Ob deutsche Fan-Berater, die nicht als Spielverderber gelten wollen, umfassend über Zwangsprostitution und HIV-Gefahren informieren, wird sich zeigen. Es bleibt zu hoffen, dass in einigen Jahren nicht die hiesigen ahnungslosen Partnerinnen derjenigen Fans, die sich während der WM als risikofreudige Freier betätigen, der Untreue beschuldigt werden, wenn sie HIV-positiv getestet werden. Nicht nur in Südafrika sind Männer, die ungeschützte Sexualkontakte mit attraktiven und gesund aussehenden jungen Mädchen haben, anschließend oft zu feige, sich auf HIV testen zu lassen. Jedem Freier sollte klar sein, wie kriminell er sich auch gegenüber anderen Partnerinnen verhält und dass es selbst für ihn keine Heilung von HIV und Aids gibt.

Die Autorin ist Ethnologin und arbeitet über Frauenrechtsorganisationen in Südafrika. Zu ihren Publikationen zählen: Im Schatten der Apartheid (2008) und Frauen und Kriege in Afrika (2008).

Weiterführende Hinweise:
www.catwinternational.org/
www.childtrafficking.com/
www.ecpat.de/
www.gaatw.org/
www.humantrafficking.org/
www.redlight2010.org/
www.tdh.de/
www.unhchr.ch/children/rapporteur.htm


»Abonnement         »Einzelheftbestellung         »kostenloses Probeheft
Die Fachzeitschrift afrika süd, gegr. 1972 als informationsdienst südliches afrika, erscheint alle zwei Monate im Umfang von 40 Seiten.

Bezugsbedingungen
Einzelheft: EUR 6,00 (zzgl. Versandkosten)
Jahresabonnement In- und Ausland: Privatpersonen: EUR 35,00; Institutionen und Förderer EUR 50,00
Luftpostzuschlag: EUR 8,00

Ein Abonnement umfasst mindestens ein Jahr (6 Ausgaben). Nach Ablauf eines Jahres kann es jederzeit mit einer Frist von sechs Wochen gekündigt werden.

Herausgeber
informationsstelle südliches afrika e.V. (issa)
Königswinterer Str. 116, D-53227 Bonn
Tel.: 0228 - 464369; Fax: 0228 - 468177
E-Mail: issa@comlink.org, Internet: www. issa-bonn.org

 Übersicht  Seite drucken zurück nach oben