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Nr.3-2009 |
Birgit Morgenrath |
15 Jahre nach dem Ende der Apartheid in Südafrika bleibt der African National Congress weiter an der Macht. Jacob Zuma ist neuer Staatspräsident – der Mann, der unter anderem dafür steht, dass die ehemalige Befreiungsbewegung ihre Unschuld verloren hat. Die selbst gesetzten hohen moralischen Standards haben durch mangelnde „delivery“ und Korruption schwer gelitten, so die überwiegende Meinung ausländischer Medien. Nun wird gemutmaßt, das aufgeklärte Ausnahmeland am Kap sei auf dem „typisch“ afrikanischen Weg. „Der einst in aller Welt gepriesene Wunderstaat Nelson Mandelas droht zu einer Bananenrepublik zu werden“, heißt es im Züricher Tagesanzeiger. Mit einem Schlag wird eine Milliarde Afrikaner auf dem gesamten Kontinent bezichtigt, Bereicherung, Vetternwirtschaft und brutale Ausbeutung durch ihre nimmersatten, gierigen Eliten stumm und dumpf hinzunehmen. Afrika eben, notorisch unverbesserlich. Korruption – das sei klar gestellt – egal in welcher Form, ist kriminell. Wer sich auf Kosten des Gemeinwohls private Vorteile verschafft, sollte bestraft werden. Merkwürdig nur, dass sich der durch und durch korrupte Apartheidstaat 50 Jahre lang der ungeteilten Unterstützung der westlichen Welt erfreuen durfte. Bezeichnend auch, mit welcher Arroganz ein Land abqualifiziert wird, das gerade mal 15 Jahre Zeit hatte, eben diesen bankrotten Rassistenstaat völlig umzubauen und das Erbe jahrzehntelanger Vernachlässigung der schwarzen Bevölkerungsmehrheit langsam aber stetig unschädlich zu machen. Bestürzend aber ist die Doppelmoral, mit der „Korruption in Afrika“ angeprangert wird. Weder Russland, dessen Präsident Dimitri Medwedjew die Korruption als „Existenzsystem der Machtorgane“ bezeichnet, wird derart abgewertet. Noch Italien, obwohl Ministerpräsident Silvio Berlusconi sich der zahlreichen Prozesse nur durch die Manipulation der Justiz entziehen kann und das Land systematisch in den Ruin treibt. Schwarze in Afrika sind auf jeden Fall unbelehrbarer als zivilisierte Menschen in den Ländern von Aufklärung und Humanismus, so die unterschwellige Botschaft. Die deutsche Bevölkerung hält ihr eigenes Land für weitgehend frei von Korruption. Dabei galt auch bei uns Wirtschaftskriminalität, zum Beispiel die Bestechung von Staatsoberhäuptern, bis vor kurzem bloß als Kavaliersdelikt. Erinnert sei auch an die politischen Skandale und Geldgeschäfte von F.J. Strauß über Flick und Kohl bis zu Koch, Kanter und Co. Wer die für ebenso typisch „afrikanisch“ gehaltene Vetternwirtschaft anklagt (z.B. diese lästigen Großfamilien, die angeblich den investierenden homo oeconomicus in Afrika blockieren!), sollte zunächst die geölten „revolving doors“ zum Beispiel zwischen US-Administration, US-Großkonzernen, US-Banken, IWF und Weltbank analysieren. In der westlichen, angeblich „entwickelten“ Welt ist Korruption längst ein tief verankerter Teil der Normalverfassung. Fachleute sprechen von einer besonderen Form organisierter Kriminalität. Sie gehorcht der wirtschaftsliberalen Doktrin, dass alle eingesetzten Mittel stets am politischen oder ökonomischen Erfolg zu messen sind. Davon profitiere dann irgendwie auch die Allgemeinheit. Südafrika ist in der Normalität kapitalistischer Staaten in der globalisierten Welt angekommen. Wiederholte Projektionen und Wünsche zahlreicher Internationalisten nach einem „Sozialismus in einem Land“ haben sich wie schon im Falle Nicaraguas nicht erfüllt. In welchem Geschichtsbuch steht geschrieben, dass eine Gesellschaft von Millionen erniedrigter und traumatisierter Opfer eine bessere und gerechte Ordnung hervorbringt? Die „Ära der Heiligen“ à la Nelson Mandela sei endgültig vorüber, schreibt ein südafrikanischer Kommentator. Acht Jahre lang haben Staatsanwälte gegen den neuen Staatspräsidenten Jacob Zuma wegen Korruption und Betrugs ermittelt, bevor die Ermittlungen kurz vor den Wahlen eingestellt wurden. Er soll Schmiergeldzahlungen im Zusammenhang mit einem staatlichen Rüstungsauftrag – im Übrigen auch von deutschen Firmen – angenommen haben. Manipulationen innerhalb der Staatsanwaltschaft und die Blockade zahlreicher Untersuchungskommissionen durch den ANC werfen kein gutes Licht auf die regierende Partei. Zuschreibungen aber, die Jacob Zuma als „unbedarften Provinzler“, „Verschwörungskünstler“, „potenziellen Despoten“ und „Polygamisten an der Macht“ denunzieren, verbreiten rassistische Botschaften. Wie sehr sich der von aller Welt Vorverurteilte dem Gemeinwohl verpflichtet fühlt, wird sich schnell herausstellen. Noch vertraut ein großer Teil der Südafrikaner dem Ex-Befreiungskämpfer und Friedensstifter in KwaZulu-Natal sowie in Ruanda (2002). Die südafrikanische Gesellschaft hat alle Voraussetzungen, um Jacob Zuma eine Chance zu geben und ihn gegebenenfalls abzustrafen. Südafrikaner diskutieren nach der lähmenden Stagnation der Mbeki-Präsidentschaft heute wieder so leidenschaftlich wie in den Anfangsjahren nach der Befreiung. Übrigens: Die UN-Konvention gegen Korruption haben 120 Länder bereits ratifiziert, darunter Südafrika. Deutschlands Unterschrift lässt seit Jahren auf sich warten. |
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