Nr.4-2005

Eine Insel dockt an

© issa

Madagaskar und die SADC

Hartnäckig haben die Medien – auch im Südlichen Afrika - an der Zahl vierzehn festgehalten. Vierzehn Mitglieder habe die Regionalgemeinschaft SADC, auch wenn bei der namentlichen Auflistung nur dreizehn aufgelistet wurden. Die Seychellen nahmen schon lange nicht mehr an den Treffen teil. Doch jetzt wird die Zahl vierzehn wohl wieder stimmen. Madagaskar will der SADC beitreten. Nur Gschaftelhuberei der SADC, wie Kritiker meinen? Es gibt Gründe für einen Beitritt.

Hein Möllers

Zu teuer kämen die Mitgliedbeiträge, befanden die Seychellen. Sie betragen 500.000 US$ im Jahr. Deshalb hat der Inselstaat seine Mitgliedschaft in der regionalen Entwicklungsgemeinschaft SADC (Southern African Development Community) zum Jahreswechsel 2004/05 aufgekündigt. An den Gipfel- und Ministertreffen hatte er schon Seit 2003 nicht mehr teilgenommen. Ob er damit spart, sei dahin gestellt. Ähnlich wie die USA bei den Vereinten Nationen sind die Seychellen mit ihren Beiträgen weit in Rückstand geblieben. Dabei zählt der Inselstaat keineswegs zu den Habenichtsen der Region; der Index der Menschlichen Entwicklung der Vereinten Nationen führt ihn an 35. Stelle von 177 Nationen.

Anders Madagaskar, das zu den ärmsten 20 Staaten der Welt zählt. Dieser große Inselstaat im Indischen Ozean hat auf dem SADC-Gipfel im August 2004 den Antrag auf Mitgliedschaft in der Gemeinschaft gestellt und den Kandidatenstatus erhalten. Die Staats- und Regierungschefs werden wohl auf dem Gipfel im August diesen Jahres der Vollmitgliedschaft zustimmen.

Madagaskar liegt zwar nur 400 Kilometer vor der Küste Mosambiks, doch die Beziehungen zum Festland waren stets distanziert und sporadisch. Die ehemalige französische Kolonie hat nach der Unabhängigkeit weiter enge Beziehungen zu Frankreich gepflegt, nicht nur politisch und wirtschaftlich, sondern auch in Sprache, Architektur, Rechtswesen und in der Küche. Daran änderten auch eine sozialistische Rhetorik der meisten Regierungen nach der Unabhängigkeit und enge Beziehungen zu Nordkorea und China wenig. Gegen andere Einflüsse von außen schottete sich die Insel ab und baute kaum Beziehungen zum afrikanischen Kontinent auf.

Kurswechsel durch Ravalomanana
Der plötzliche Schwenk hin zur SADC hat Überraschung und auch Skepsis hervorgerufen. Was verspricht sich eine frankophon geprägte Insel im Indischen Ozean von der Eingliederung in eine Organisation, die von englisch geprägten Ländern dominiert wird, mit denen sie politisch, kulturell und wirtschaftlich nur wenig verbindet? Und umgekehrt: Was erwartet die SADC von einem Beitritt Madagaskars, warum wird wieder eine Erweiterung erwogen, wo die Gemeinschaft doch 1998 einen Aufnahmestopp verfügt hat? Damals war die DR Kongo aufgenommen worden, ein Land, das die Integration der Gemeinschaft eher strapaziert hat.

Kritiker haben denn auch schnell ihr Urteil gefällt: Die Aufnahme Madagaskars sei ein weiteres Beispiel dafür, dass sich die Regionalgemeinschaft die Hürden selbst in den Weg stellt, statt sich auf eine überfällige Integration und Vertiefung der Zusammenarbeit zu konzentrieren.

Doch es gibt Gründe dafür, dass ein Beitritt Madagaskars zur SADC so abwegig nicht ist. In den letzten zehn, zwölf Jahren hat sich auf der Insel eine einschneidende Veränderung in der Außen- und Wirtschaftspolitik angebahnt, die mit den Wahlen 2001/02 einen ersten Abschluss gefunden hat. Diese neue Ausrichtung macht die Mitgliedschaft für Madagaskar wie für die SADC attraktiv. Architekt dieses vollzogenen Wandels ist der neue Präsident Marc Ravalomanana. Er hat nach einer Welle von Demonstrationen 2002 das alte Regime von Didier Ratsiraka abgelöst.

Art und Weise dieses Machtwechsels gibt einigen Aufschluss über das politische Interesse der neuen Regierung an engen Beziehungen zum Kontinent. Die Präsidentschaftswahlen von 2001 hatten zu einer sechsmonatigen politischen und konstitutionellen Krise geführt. (Einzelheiten siehe: B. Margraf, Der Fall Madagaskar & die AU; afrika süd 2´03). Der alte Präsident Ratsiraka weigerte sich nach den verlorenen Wahlen, das Ergebnis anzuerkennen, sah sich aber aufgrund des hohen Stimmenvorsprungs seines Herausforderers gezwungen, einen neuen Wahlgang anzusetzen. Dessen Ergebnis wurden sowohl von unabhängigen Beobachtern wie von der Bevölkerung verworfen. Ratsiraka weigerte sich jedoch, sein Amt abzutreten, und zog sich auf seine Hochburg in der Hafenstadt Toamasina zurück. Von dort aus versuchte er mit dem Kriegsrecht weiterzuregieren, doch in der Öffentlichkeit und in den Medien fand er keinen Rückhalt mehr. Unterstützung bot lediglich noch die alte Kolonialmacht Frankreich, das in Ratsiraka einen treuen Vasallen hatte, der freien Zugriff auf die wirtschaftlichen Ressourcen des Landes garantierte.

Sein populärer Herausforderer Ravalomanana erklärte sich selbst zum Präsident und bezog den Amtssitz in der Hauptstadt Antananarivo. Der Mehrheit der Bevölkerung sicher und durch Demonstrationen bestätigt, wurde er im Mai 2002 als neuer Präsident vereidigt. Ratsarika floh ins Exil nach Frankreich.

Der einzige wichtige internationale Akteur, die Afrikanische Union (AU), verweigerte jedoch Ravalomanana die Anerkennung. In einer streng legalistischen Interpretation ihrer Statuen verurteilte die AU die Machtübernahme als von der Verfassung nicht gedeckt. Ravalomanana sei von der Straße auf den Schild gehoben worden; sein Mandat sei nicht durch ein eindeutiges geklärtes Votum der Wahlen gedeckt. Madagaskars Mitgliedschaft in der AU wurde ausgesetzt.

Erst im Dezember 2002, als Ravalomananas Partei Tiako I Madagasikara (TIM – Ich liebe Madagaskar) bei den Parlamentswahlen die komfortable Mehrheit von 103 der 160 Sitze gewonnen hatte, wurde das Land wieder in die AU aufgenommen.

Die politische Krise von 2002 hatte somit Ravalomanana deutlich vor Augen geführt, was geschieht, wenn man keine regionalen Verbündeten hat. Der neue Präsident ging mit Nachdruck daran, die Beziehungen zum Kontinent zu verbessern. Der Beitrittsantrag zur SADC ist ein wichtiger Schritt, seine Regierung in ein Netz afrikanischer Politiker einzubinden. Anders als seine Vorgänger lässt Ravalomanana keinen Zweifel an der Zugehörigkeit der Insel zum afrikanischen Kontinent. Auch dafür steht der Schritt hin zur regionalen Entwicklungsgemeinschaft. Eine erste erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Madagaskar und Südafrika gab es bei den gemeinsamen Friedensinitiativen auf der Nachbarinseln der Komoren.

Wirtschaftliche Öffnung
Auch wirtschaftspolitisch schlägt Madagaskar neue Wege ein. Der Kampf der beiden Präsidenten hatte 2002 die wirtschaftlichen Aktivitäten praktisch zum Erliegen gebracht. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) sank in jenem Jahr um zwölf Prozent. Präsident Ravalomanana konnte binnen kurzer Zeit das Vertrauen der internationalen Gebergemeinschaft gewinnen. Neue Botschaften wurden in der Hauptstadt eröffnet, und die Weltbank schickte einen hochrangigen Manager an die Spitze des 50-köpfigen Landesbüros. Ravalomanana halbierte das Kabinett von 33 auf 16 Minister, setzte jedem Ministerium konkrete Ziele und setzte eine Wirtschaftsreform durch, um die Wettbewerbsfähigkeit des Landes zu erhöhen und Investoren zu interessieren.

Die neue Regierung bekämpfte erfolgreich die Korruption. Auf dem internationalen Korruptionsindex verbesserte sich Madagaskar zwischen 2002 und 2004 von Platz 98 (von 102 Staaten) auf Platz 82 (von 145 Staaten). Internationale Hilfsgelder fließen vornehmlich in Straßenbau, Schulen und Gesundheitsversorgung. Trotz zweier Zyklone und einer Reisknappheit erreichte das Wachstum des BIP im Jahre 2004 beachtenswerte fünf Prozent.

Außenwirtschaftlich hat Ravalomanana begonnen, die einseitige Abhängigkeit von Frankreich zu lösen. Er und seine Minister haben zahlreiche Reisen in Industrie- und Entwicklungsländer unternommen, um neue politische und wirtschaftliche Verbindungen zu knüpfen.

Nachdruck wurde dabei vor allem auf die Beziehungen zu anderen Entwicklungsländern gelegt. Die madagassische Regierung will sich von der ausschließlichen Hilfe und den Handelsbeziehungen zum reichen Norden lösen. Die USA und die Europäische Union sind wichtige politische und wirtschaftliche Partner, doch ein armes Land , das sich in den vergangenen Jahren als politisch instabil gezeigt hat, kann nicht darauf setzen, dass große Investitionen aus Ländern getätigt werden, deren Unternehmen relativ Risiken abgeneigt sind. Deshalb sucht Madagaskar verstärkt Investoren aus anderen aufstrebenden Märkten wie China, Malaysia oder Südafrika, deren Unternehmen die politischen Herausforderungen weniger scheuen und mehr auf die wirtschaftlichen Möglichkeiten schauen, die ihnen rasch wachsende Märkte wie Madagaskar bieten.

Ravalomananas Umwerbung der SADC und hier in erster Linie Südafrikas ist politisch und wirtschaftlich motiviert. Wirtschaftlich liegen die Vorteile eines Beitritts zur SADC auf der Hand. Südafrika, die Vormacht der Region, liegt nur drei Flugstunden von Madagaskar entfernt. Südafrikanische Geschäftsleute sind auf dem Sprung auf den gesamten Kontinent, nur Madagaskar lag bisher abseits ihres Interesses. Eine Mitgliedschaft in der SADC könnte das ändern und die Vorteile präsentieren, die Madagaskar Anlegern zu bieten hat.

Doch Vorteile aus der SADC sind auf absehbare Zeit noch Zukunftsmusik. Solange die Tarife in der Gemeinschaft nicht harmonisiert und anderen Abkommen noch nicht umgesetzt sind, werden bilaterale Verträge mit Südafrika bedeutsamer sein als eine Mitgliedschaft in ein und derselben Organisation. Insofern wird die Eröffnung der südafrikanischen Botschaft in Antananarivo zunächst einmal engeren Wirtschaftsbeziehungen zwischen diesen beiden Ländern und weniger zur SADC den Weg ebnen.

Die politischen Vorteile einer Mitgliedschaft in der SADC sind da schon unmittelbarer greifbar. Durch den Beitritt schafft sich Ravalomanana - wie schon erwähnt – politische Verbündete, die seiner Regierung zu regionaler Legitimität verhelfen. Das dürfte ihr helfen, politische und wirtschaftliche Reformen voranzutreiben und – sollte sich eine politische Krise abzeichnen – die Position der Regierung gegenüber Opponenten aus dem ehemaligen Regime stärken.

Der neue Präsident hat mit seinen Auftritten auf der afrikanischen Bühne durchaus positive Zeichen gesetzt und an internationaler Statur gewonnen. Er hat es verstanden, selbstbewusst und glaubhaft über die Potenziale afrikanischer Entwicklung zu reden. Das führt zurück zu der Frage, was denn die SADC von einem Beitrag Madagaskars zu erwarten hat. Der Vorteil liegt hier in erster Linie auf dem politischen Feld.

Obwohl ein armes und immer noch von Problemen geplagtes Land – und dazu zählt auch die Gefahr, dass Ravalomanana über die ehrgeizige Wirtschaftsreform demokratische Ziele aus den Augen verliert –, präsentiert sich Madagaskar zur Zeit als ein hoffnungsvolles und spannendes Land mit einem neuen Typ von Politiker an der Spitze. Den anderen Mitgliedstaaten der SADC könnte ein unverbrauchter und zupackender Politiker willkommen sein, um die Integration der Gemeinschaft voranzutreiben und international stärkere Beachtung zu finden.


Madagaskar
Grunddaten:
Fläche: 587.041 qkm
Einwohner: 17,3 Millionen
Hauptstadt: Antananarivo (1,4 Millionen)
Bevölkerungswachstum: 2,8%
Städtische Bevölkerung: 31 %
Lebenserwartung: 53,6 Jahre
Amtssprachen: Malagassi und Französisch

Sozialdaten:
Index der Menschlichen Entwicklung: 0,466; Rang 150 von 177
Armut: 49,1 % haben weniger als 1 US$ pro Tag
Einkommensverteilung: Gini-Koeffizient 47,5
Bildung: Alphabetisierung: 67,3%; Einschulungsrate: 69%
Kindersterblichkeit: 84 auf 1.000 Lebendgeburten
Müttersterblichkeit: 550 auf 100.000 Geburten
HIV/Aids: 1,7% (0,8% - 2,7%)
Wasser- und Sanitärversorgung:
47% haben sauberes Wasser; 42% Sanitärversorgung

Wirtschaft:
BIP/pro Kopf und Jahr: 268 US$ (Kaufkraft: 740 US$)
Auslandsschulden: 4,15 Mrd. US$
Schuldendienst/Export: 9,9%
Entwicklungshilfe pro Kopf: 22 US$

Die Landwirtschaft ist der wichtigste Wirtschaftszweig. Für den Bodenbau nutzbar sind nur 4% des Landes, 41% für Weidewirtschaft. Der Wald bedeckt 40% der Fläche. Die Agrarproduktion wird vom Grundnahrungsmittel Reis dominiert. Bis Anfang der 1970er Jahre konnte Madagaskar kleine Mengen Reis ausführen. Heute machen Reisimporte 20% der Importe aus. Exportprodukte sind Vanille, Kaffee, Zucker, Gewürznelken und Fisch.


Kurze Geschichte
Die Geschichte Madagaskars vor der Ankunft der Europäer ist noch wenig erforscht; schriftliche Zeugnisse fehlen. Im dünnbesiedelten Südwesten der Insel leben noch kleinwüchsige Menschen, die in der madagassischen Überlieferung als Volk, „das schon immer da war“, bezeichnet wird. Wann sie die Insel erreichten, ist unbekannt.

Im zentralen Hochland überwiegen die Nachfahren der Einwanderer aus dem malaysisch-polynesischen Raum. Sie siedelten vornehmlich im Hochland und brachten den Reis als wichtige Nahrungspflanze nach Madagaskar. Sie prägten auch die Sprache der Insel, das Malagassi, das heute von allen – wenn auch in verschiedenen Dialekten – gesprochen wird.
Ab dem 9. Jh. siedelten sich an der Küste Araber an. Sie brachten im Laufe der Jahrhunderte Bantu-Sklaven vom Festland auf die Insel. Afrikaner und Araber haben vor allem die Westküste geprägt. Die heute oft aufgezählten Stämme organisierten sich weniger nach der ethnischen als nach der sozialen Zugehörigkeit.

Zwischen dem 16. und 18. Jh. existierten mehrere regionale Königreiche auf der Insel. Erst Ende des 18. Jh. konnten die Merina, die größte Volksgruppe im Hochland, die Herrschaft über die gesamte Insel ausdehnen.

Europäische Kontakte gab es zunächst nur sporadisch. Nach einer kurzen Phase der Christianisierung Anfang des 19. Jh. mussten 1835 alle Europäer die Insel verlassen.
Die Kolonialzeit Madagaskars begann Ende des 19. Jh. 1885 erklärte Frankreich die Insel zum Protektorat, 1896 wurde sie offiziell Kolonie. Die Madegassen wehrten sich bis 1904 erfolgreich gegen die Kolonialmacht. Erste Unabhängigkeitsbestrebungen in den 1930er Jahren und ein 1947 blutig niedergeschlagener Aufstand zeugten von dem Willen der Madegassen nach Unabhängigkeit. 1958 wurde die Republik Madagaskar innerhalb der französischen Gemeinschaft ausgerufen und am 26. Juni 1960 die völlige Unabhängigkeit erklärt.

Die ersten Regierungen hielten an engen Verbindungen mit Frankreich fest. Sie fanden vor allem bei der Küstenbevölkerung Rückhalt.

Misswirtschaft führte zu einer Protestwelle und 1972 zur Übernahme der Macht durch das Militär, das einschneidende Strukturveränderungen wie Rückdrängung des französischen Einflusses, die Verstaatlichung von Schlüsselbetrieben und Stärkung der traditionalen Dorfgemeinschaften durchsetzte.

Mitte 1975 wurde unter dem Präsidenten, dem Marinekapitän Didier Ratsiraka, die 2. Republik ausgerufen. Das Land erhielt eine neue Verfassung und die „Charta der Madagassischen Sozialistischen Revolution“. Mit der Verschärfung der Wirtschaftsprobleme näherte sich Madagaskar Anfang der 1980er wieder an Frankreich an, behielt aber die Beziehungen zu sozialistischen Ländern bei.

Ab 1990 wurde der Ruf nach politischer Liberalisierung lauter. Unter einer Übergangsregierung wurde eine neue Verfassung für die 3. Republik erarbeitet. Sie erlangte 1993 nach einem Referendum Gültigkeit.

Einer Periode wachsender Auseinandersetzungen über Wirtschaftsreformen endete 1996 mit der Amtsenthebung des Präsidenten Zafy. In umstrittenen Wahlen gelang Ratsiraka die Rückkehr an die Macht, an der er sich bis 2002 behaupten konnte. Er stützte sich dabei auf die ländlichen Gebiete, während die Hauptstadt im oppositionellem Lager stand. In den letzten Jahren seiner Amtszeit setzte er einen Umbau des Staatsaufbaus durch. Das Land wurde in sechs autonome Provinzen geteilt und ein Senat eingerichtet.

Die Opposition zur immer ausgeprägteren Herrschaft Ratsirakas brachte 2001 dem Herausforderer und Bürgermeister der Hauptstadt, Marc Ravalomanana, den Wahlsieg. Der Streit über das Wahlergebnis brachte Madagaskar an den Rand des Bürgerkrieges. Protest und Widerstand aus den Organisationen der Zivilgesellschaft erzwangen schließlich 2002 den Machtwechsel. Er brachte eine vollständige Umkehr der festgefügten Machtverhältnisse.

Seit seinem Amtsantritt sucht Ravalomanana den bürokratischen, zentralistischen Regierungsstil abzulösen und betreibt eine wirtschaftliche Öffnung des Landes.


Kultur
Auf Madagaskar kannte man bis ins späte 19. Jh. kaum schriftliche Aufzeichnungen. Die mündlichen Traditionen setzen sich auch heute noch fort in der Kabary, der feierlichen Rede zu besonderen Anlässen, und im Mpilalao, einem wettkampfartigen Straßentheater mit Musik.

Die literarische Produktion begann sehr spät, es wird vorwiegend in Französisch geschrieben. In der Poesie haben sich Autoren wie Jean-Joseph Rabiarivelo und Jacques Rabemananjara hervorgetan. Seit den 1970er Jahren findet verstärkt eine Rückbesinnung auf eigene Erzähltraditionen statt.

Literatur aus Madagaskar in deutscher Übersetzung:
Raharimanana, Jean Luc, Haut der Nacht. Erzählungen. Bad Honnef 1997
Rakotoson, Michèle, Dadabé. Roman und zwei Erzählungen. Göttingen 1998
Rakotoson, Michèle, Die verbotene Frau. Roman. Göttingen 2000

In der Musik dominieren indonesische Einflüsse. Stärker afrikanisch geprägt ist die Westküste.

Die bildenden Künste zeigen eine hochentwickelte Schnitzkunst, die vor allem der reichen Verzierung von Grabstätten dient. Berühmt sind die mit Figuren ausgeschmückten Pfähle der Mahafaly, die erotischen Gräberskulpturen der Sakalava und die reichen Grabmalereien der Antandroy.


Seychellen: Eine Insel dreht ab
Der Inselstaat Seychellen war im September 1997 der Regionalgemeinschaft SADC beigetreten. Im Juli 2003 kündete die Regierung einen baldigen Austritt an und nahm an den folgenden Sitzungen der SADC nicht mehr teil. Im Juni 2004 kündigte sie den Vertrag zum Jahreswechsel 2004/05.

Als Grund führte die Regierung ihr Wirtschaftsreformprogramm an. Dort wurden alle internationalen Verpflichtungen und Zahlungen einer Revision unterworfen. Dem Rotstift fiel die SADC-Mitgliedschaft zum Opfer; die in der Comesa (Common Market for Eastern and Southern Africa) wurde beibehalten. Der Mitgliedsbeitrag hier beträgt „nur“ 357.000 US$ gegenüber 500.000 US$ für die SADC.

Ausschlaggebender war aber wohl ein anderes Argument. Die Zusammenarbeit in der Comesa ist weniger verbindlich als die in der SADC und erfordert weniger Personal- und Zeitaufwand. Der Inselstaat ist der kleinste Staat Afrikas. Dort leben lediglich 80.000 Menschen. Die Seychellen sahen sich mit den organisatorischen Verpflichtungen in der Gemeinschaft überfordert. Die weitreichenden und zahlreichen Abkommen, die Protokolle und Deklarationen, die Umsetzungen all der Abmachungen bürdeten dem kleinen Staat eine Menge Arbeit auf. Vertragliche Abstimmungen und andere Verpflichtungen fallen in der Comesa dagegen in erheblich geringerem Umfang an. Allerdings steht auch hier die volle Integration in das Freihandelsgebiet noch aus.

Letztlich haben sich die Seychellen nicht voll an den Workshops, Konferenzen und Treffen beteiligen können. Sie waren „stille Teilhaber. Zudem orientierte sich die SADC in erster Linie an kontinentalen Bedürfnissen, die für einen kleinen Inselstaat vor der Küste weniger relevant sind. Die Comesa dagegen bietet einen weniger ambitionierten Rahmen für eine regionale Integration.

Die Regierungen der Seychellen waren sich durchaus klar darüber, dass Vorteile aus der Zugehörigkeit zur SADC erst langfristig zu erwarten waren, sie hatten aber raschere und höhere ausländische Investitionen erhofft. Die Industrie- und Handelskammer des Landes hält diese Erwartungen an die Investoren für überzogen. Sie setzte auf mittel- und langfristige Profite aus der Regionalgemeinschaft. Deshalb hat sie den Rückzug der Regierung scharf verurteilt. Ansonsten wurde die Entscheidung der Regierung in der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen.


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