Nr.4-2006

Neue Impulse auf dem afrikanischen Buchmarkt

© issa

Dreißig Jahre nach dem Schüleraufstand von Soweto erinnerte ein besonderes Ereignis an den Kampf gegen die rassistische Bildungspolitik in Südafrika: Am 16. Juni 2006 wurde die erste internationale Buchmesse in Kapstadt feierlich eröffnet. Vier Tage lang kamen Verleger, Autoren und Leser zusammen, um sich über neue Tendenzen auf dem afrikanischen Buchmarkt auszutauschen.

Rita Schäfer

Auf der Kapstädter Buchmesse ging es keineswegs nur um den Bedeutungsgewinn des Gastlandes Südafrika im Schulbuchsektor, sondern auch um vielfältige Entwicklungen in der Belletristik und um wissenschaftliche Neuerscheinungen. Über 200 Verlage aus 26 Ländern stellten ihre Programme vor und mit mehr als 24.000 Besuchern übertraf die Buchmesse alle Erwartungen.

Das Konzept der Buchmesse zielte u.a. darauf ab, den Buchmarkt zu stärken, und konnte dabei auf die Kooperation mit der Frankfurter Buchmesse bauen. Unter dem Motto „Celebrate Africa“ umspannte sie den gesamten Kontinent. Faktisch dominierte jedoch das Gastland den Ausstellungsbereich und das breit gefächerte Begleitprogramm, d.h. Lesungen und Diskussionsforen mit Autoren, Wissenschaftlern und Literaturexperten.

Mit großer Offenheit wurde über dieses Monopol Südafrikas gesprochen, spiegelt es doch dessen Vormachtstellung in der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung auf dem Kontinent. Man darf schon jetzt gespannt sein, ob im nächsten Jahr Foren für mehr innerafrikanische Dialoge eröffnet werden und die Kapstädter Buchmesse wie ihre Vorgängerin in Harare ein Magnet für Literaturinteressierte aus aller Welt wird. Motiviert durch den wirtschaftlichen Erfolg dieser Veranstaltung versprach die südafrikanische Regierung, in den nächsten Jahren öffentliche Bibliotheken gezielt finanziell zu unterstützen. Hierdurch will sie die Lesekultur insbesondere in benachteiligten Landesteilen fördern.

Wie notwendig das auch im metropolitanen Kapstadt ist, verdeutlichte die Tatsache, dass die Mehrheit der Besucher Weiße waren. Selbst Studenten und Schüler aus anderen Bevölkerungsgruppen erreichte die Buchmesse kaum, nur wenige Schulen nahmen die Angebote der Buchmesse wahr. Zur Motivierung der Lehrer wäre ein Blick nach Simbabwe hilfreich gewesen, denn die Buchmesse in Harare fand bis zum dramatischen Niedergang des Landes vor einigen Jahren immer große Resonanz bei der schwarzen Bevölkerungsmehrheit. In Kapstadt kritisierten sich Veranstalter und Schul- bzw. Kulturverantwortliche dann auch gegenseitig; immerhin gelobte man Besserung für das nächste Jahr.

Förderung der Lesekultur
Bis heute lastet das Erbe der Apartheid auf Südafrika, denn über 15 Prozent der Erwachsenen sind Analphabeten. Die rassistische Bildungspolitik des alten Regimes beschränkte ihren Informationszugang und ihre beruflichen Entfaltungsmöglichkeiten. Dagegen kämpften die Schüler 1976, und noch immer haben etliche Bildungsprogramme einen politischen Anspruch. So will das New Readers Project in Durban insbesondere marginalisierte Menschen erreichen.

Cathy Rich, die das Projekt auf der Buchmesse vorstellte, erläuterte, dass Frauen und Mädchen, aber auch Menschen in Altenheimen zu den Zielgruppen ihrer Alphabetisierungsprogramme zählen. Schließlich gelte das Lesen als wichtiger Beitrag zur sozialen Teilhabe. In Schreibwerkstätten verfassen die Kursteilnehmer selbst Geschichten auf Zulu, die dann für die folgenden Kurse als Lektüre dienen. Um die Zweisprachigkeit zu üben, werden die Erzählungen ins Englische übersetzt. Die ansprechend gestalteten Textbücher gehen aber weit über ihre Unterrichtsfunktion hinaus. Denn viele Beteiligte betrachten die so gezollte Anerkennung ihrer persönlichen Fähigkeiten und Lernerfolge als Zeichen von Respekt und Würde, die ihnen während der Apartheid systematisch vorenthalten wurden.

Kindern und Jugendlichen frühzeitig Freude am Lesen zu vermitteln, hat sich Biblionef South Africa zur Aufgabe gemacht. Peter Williams erklärte den Besuchern der Buchmesse die Schwierigkeiten, eine Lesekultur in Südafrika zu verbreiten. Viele Kinder würden das Lesen nur als schulische Pflicht betrachten. Außerdem hielten umfangreiche Haushaltsarbeiten insbesondere Mädchen vom Lesen und Lernen ab. Eltern seien mit existenziellen Problemen überfordert, so dass sie nicht den Wert des Lesens erkennen würden. Gute Lesekenntnisse seien jedoch die Grundvoraussetzung für Berufsperspektiven, eine kritische Meinungsbildung und ein demokratisches Bewusstsein. So greifen die ermutigenden und ansprechend illustrierten Geschichtensammlungen, die Biblionef kostenlos in allen Landessprachen verbreitet, genau diese Probleme auf. Gleichzeitig werden Erwachsene aufgefordert, mehr Verantwortung zu übernehmen. Viele Erzählungen behandeln aktuelle Schwierigkeiten, mit denen Kinder und Erwachsene auf unterschiedliche Weise konfrontiert werden: Gewalt, Kriminalität und Aids.

Wie Kinder durch Geschichten gestärkt werden können, die Herausforderungen des Alltags zu meistern, vermittelte Gcina Mhlope in ihren Lesungen. Die renommierte Künstlerin rüttelt die südafrikanische Gesellschaft auf, weil sie auf traditionelle Erzählformen Bezug nimmt und gleichzeitig Kinder ermutigt, Widerstand zu leisten, wenn Erwachsene ihre Autorität missbrauchen.

Neue Themen – neue Ausdrucksformen
Die Buchmesse präsentierte das breite Panorama belletristischer Neuerscheinungen, z.B. aktuelle Krimis, die in den düsteren Hafenanlagen Kapstadts oder im geschäftigen Johannesburg spielen. Auch die sozialen Konflikte durch HIV/Aids bieten jungen Autoren Stoff für ihre Romane. Eindrücklich brachten sie dem Publikum während zahlreicher Lesungen nahe, dass sie politische Kontroversen aufgreifen, aber Grenzen überschreiten, die Schriftsteller während der Apartheid einengten. Mit spitzer Feder überwinden sie die Beschränkungen des politisch korrekten Schreibens und experimentieren mit Handlungen und Figuren.

So erhalten bei Mary Watson, die kurz nach der Buchmesse mit dem Caine Prize for African Writing ausgezeichnet wurde, wuchernde Fabelwesen – menschenähnliche Schlingpflanzen - Einzug in die Hinterhöfe der „Coloured-Bevölkerung“ Kapstadts, die es zu bescheidenem Wohlstand gebracht hat.

In seiner symbolreichen Bildersprache greift auch Zakes Mda, der wie ein Star auf der Buchmesse gefeiert wurde, vorkoloniale Erzähltraditionen auf und beschreibt damit koloniale Umbrüche. Der mehrfach preisgekrönte Romancier und Dramaturg verfällt jedoch nicht in einen verklärenden Traditionalismus, während dieser in einflussreichen politischen Kreisen mit der Ubuntu-Ideologie schon wieder Einzug hält. Vielmehr hält Mda der alten und neuen Elite den Spiegel vor, indem er Heuchelei und Habgier anprangert. Mda, der als Multitalent der pulsierenden Theater- und Literaturszene Südafrikas im Jahr 2004 auf dem internationalen Literaturfestival in Berlin zu Gast war, stürzt in grotesken Szenen nicht nur bigotte Weiße vom Sockel ihrer Selbstgerechtigkeit, sondern kritisiert auch korrupte Befreiungskämpfer, die sich beim politischen Machtpoker schamlos bereichern.

Südafrikanische Erinnerungsformen
Junge Autorinnen und Autoren lösen sich von Kategorien, die politisch motivierte Literatur in Südafrika während der 1970er und 1980er Jahre prägte. So erscheinen Afrikanerinnen nicht nur als Opfer rassistischer und patriarchaler Unterdrückung, sondern auch als eigenständig Handelnde, die allerdings viel Durchsetzungskraft in alltäglichen, zähen Auseinandersetzungen mit männlichen Dominanzansprüchen benötigten. Wie konfliktreich solche Perspektiven sind, verdeutlichten die Lesungen von Sandile Memela und Mtutuzeli Nyoka, zwei männlichen Autoren, deren Protagonistinnen aus unterschiedlicher Perspektive gegen aggressive Maskulinität Stellung beziehen. Während Memela die Stärke von Frauen und Mädchen als „Flowers of the nation“ rühmte, mahnte Nyoka Männer zu mehr Respekt vor der weiblichen Bevölkerungsmehrheit. Beide wollen vor allem Jugendliche erreichen, für die es in Südafrika bislang noch keine ansprechende Literatur gibt. Kein leichtes Unterfangen, schließlich werden diese täglich mit frauenverachtenden und gewaltverherrlichenden Liedtexten aus dem Radio berieselt. Kwaito-Musiker, die es in kürzester Zeit zu märchenhaftem Reichtum gebracht haben, sind die Idole vieler junger Männer.

Wie wichtig die Aufarbeitung der Vergangenheit auch nach Abschluss der Wahrheits- und Versöhnungskommission ist, verdeutlichte das Begleitprogramm der Buchmesse. So widmeten sich gleich mehrere Diskussionsforen dem Schreiben, Forschen und der Zensur während der Apartheid. Dabei wurden Fragen zur Struktur- und Ereignisgeschichte in die Auseinandersetzung über kollektive und individuelle Erinnerungsformen eingebettet. Hochrangige Vertreter der Widerstandsbewegung erläuterten die komplexen Verbindungen von politischer Vergangenheit und persönlicher Geschichte. Der im Rivonia-Prozess gemeinsam mit Mandela verurteilte Goldberg berichtete eindrücklich von der Bedeutung des Lesens und seines Fernstudiums während seiner über 20jährigen Haft, beklagte aber auch die irrwitzigen Zensurvorschriften für politische Gefangene. Elinor Sisulu stellte die Biographie ihrer Eltern Albertina und Walter vor, die zugleich wichtige Phasen im Anti-Apartheid-Kampf personifizieren.

Angesichts der Tatsache, dass Südafrika 2006 nicht nur des Soweto-Aufstands 1976, sondern auch des Massenprotestes von Frauen am 9.8.1956 gedenkt, hatten Neuerscheinungen über dieses bedeutende Ereignis einen besonderen Stellenwert auf der Buchmesse. Schließlich wird der 9. August seit 1994 als nationaler Gedenktag begangen. Über 20.000 Frauen zogen damals in einem der größten Protestmärsche zum Regierungsgebäude in Pretoria und forderten die Rücknahme spezieller Passgesetze für Frauen. Afrikanerinnen fürchteten um ihre Existenz, denn der Zugang zu den wenigen, schlecht bezahlten Jobs in den Städten wurde nunmehr drastisch beeinträchtigt. Getragen wurde die friedliche Großdemonstration von der Federation of South African Women (FSAW). Dieser 1954 gegründete Zusammenschluss, in dem Albertina Sisulu als Vertreterin der ANC Women’s League eine zentrale Rolle spielte, wirkte bereits in den Jahren zuvor als Triebfeder für zahlreiche Aktionen des zivilen Ungehorsams und mobilisierte Frauen unterschiedlicher Herkunft. Angesichts des harten Vorgehens der Staatsmacht blieb ihr Engagement letztlich erfolglos. Die Leiterinnen der FSAW wurden verhaftet oder gebannt. Neue Gesetze verhängten ein generelles Versammlungsverbot und jeglicher Protest wurde zur kriminellen Straftat.

Innovative Forschungsansätze
Wie das komplexe Zusammenspiel von „race, class und gender“, der zentralen Differenzkategorien in Südafrika, heute unter neuen Vorzeichen die Gesellschaft spaltet, illustrierten Politikwissenschaftler der Universität Durban in einem eigenen Diskussionsforum über Armut in Südafrika. Während Alan Hirsch die Wirtschaftsreformen unter Mandela und Mbeki beleuchtete und ein relativ positives Fazit zog, griffen Nicoli Nattrass und Adam Habib den neo-liberalen Wirtschaftskurs der ANC-Regierung scharf an. Habib pochte darauf, dass soziale Bewegungen – seien sie noch so disparat oder gar zerstritten – dennoch wie Sand im Getriebe wirken, zumal es keine starke innerparlamentarische Opposition gebe.

Auch wenn die Belletristik sich von direkten politischen Stellungnahmen eher verabschiedet hat, bilden kritische Positionsbestimmungen weiterhin Anlass für wissenschaftliche Kontroversen und bereichern damit innovative Forschungen in Südafrika.

Die Autorin ist Ethnologin und arbeitet u.a. über Gender in Südafrika. Zuletzt erschien ihre Studie „Im Schatten der Apartheid“, Lit-Verlag, Münster 2005.

Deutsche Ignoranz
Wenn man berücksichtigt, dass von den 100 bedeutendsten afrikanischen Romanen, Sach-, Jugend- und Kinderbüchern immerhin 61 ins Deutsche übersetzt und viele als Taschenbücher erhältlich sind, ist ein Blick in hiesige Buchhandlungen ernüchternd. Dort stolpert man nämlich über so genannte Romane, in denen weiße Frauen auf vielen Druckseiten ihre Afrika-Eskapaden präsentieren. Daneben findet man oft nicht einmal die Autobiographie von Nelson Mandela. Mit viel Glück fällt einem in wenigen, gut sortierten Buchhandlungen ein Werk der südafrikanischen Nobelpreisträger Nadine Gordimer oder J.M. Coetzee in die Hände. Von anderen afrikanischen Autoren gibt es weit und breit keine Spur, obwohl z.B. der nigerianische Schriftsteller Chinua Achebe 2002 mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde.

Achebes Werke, die in afrikanischen, britischen und amerikanischen Schulen und Universitäten zur Standardlektüre gehören, sind in über 50 Sprachen übersetzt und weltweit in millionenfacher Gesamtauflage erschienen. Hiesige Lehrer und Dozenten kennen meist nicht einmal seinen Namen. Die Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika bleibt also gleichsam Rufer in der Bleiwüste, weil deutsche Buchhändler und Leser gar nicht an einem differenzierten Afrikabild interessiert sind, das viele Romane vermitteln.

 


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