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Nr.5/6-2010 |
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In den 1980er- und 90er-Jahren wurde die Provinz KwaZulu-Natal von bürgerkriegsähnlichen Kämpfen zwischen rivalisierenden Anhängern der damaligen Homelandpartei Inkatha und von dem ANC nahe stehenden Organisationen heimgesucht – eine Auseinandersetzung, die bis heute tiefe Wunden bei der Bevölkerung der Hügellandschaft von KwaZulu-Natal hinterlassen hat. Die Gemeinde Vulindlela bei Pietermaritzburg hat nun ein Versöhnungsfest abgehalten, mit dem das Kriegsbeil endlich begraben werden soll. Der Autor, der 1975 vor der Apartheidherrschaft floh und in Deutschland Exil fand, hat aus diesem Anlass seine alte Heimat besucht, um diesem einzigartigen Versöhnungsfest beizuwohnen. Ben Khumalo-Seegelken |
Die Menschen von Vulindlela, westlich der Provinzhauptstadt von KwaZulu-Natal, Pietermaritzburg, hatten bereits mehrmals versucht, zusammenzukommen und öffentlich Kenntnis davon zu geben, dass sie aufeinander zugehen, um sich zu versöhnen. Die älteren unter ihnen sind allesamt Überlebende der bürgerkriegsähnlichen Ausschreitungen und Schlachten der frühen 1980er- bis Mitte 1990er-Jahre. Diese Kämpfe haben unsägliches Leid verursacht und erschweren ein unbeschwertes Zusammenleben heute noch nachhaltig. In den sechs benachbarten Ortschaften des Bezirks Vulindlela an der Landstraße zwischen Edendale/Pietermaritzburg und Elandskop (den Ortschaften zwischen iNadi und kwaMpumuza einschließlich kwaZongwane, kwaShange und eShowe) arbeitet man seit geraumer Zeit daran, erlebtes und begangenes Unrecht zu verarbeiten und neue gemeinsame Lebensperspektiven zu finden. Die Organisationen Sinani/KwaZulu-Natal Programme for Survivors of Violence und der Weltfriedensdienst WFD wirken beratend und fördernd mit. Recht kurzfristig haben Menschen von Vulindlela sich nun einigen können, dass sie in diesen Tagen eine Reinigungszeremonie und ein Versöhnungsfest begehen wollen. Das Kriegsbeil müsse endlich begraben werden, damit die Überlebenden und deren Nachkommen ein neues Blatt aufschlagen können. Das erste November-Wochenende 2010 wurde dazu verabredet und öffentlich bekannt gegeben. Vor drei Jahren waren Menschen in iMbumbulu bei Durban ähnlich verfahren, um als Überlebende die von ihnen in jenen Tumulten der Apartheidzeit begangenen und erlittenen Gräueltaten einmal schonungslos in Erinnerung zu bringen, öffentlich zu verurteilen und gemeinsam Worte und Gesten zu finden, um sich gegenseitig zu verzeihen und einen Neuanfang miteinander zu wagen.Repräsentanten benachbarter Ortschaften, Vertreterinnen und Vertreter kommunaler, provinzialer und der nationalen Regierung sowie die breite Öffentlichkeit – schätzungsweise zwanzigtausend Menschen – wollen die sechs sich versöhnenden Gemeinden an diesem Tag willkommen heißen und bewirten. Ein großes Gemeinschaftszelt und drei kleinere Zwecküberdachungen prangen schon am Vortag im und am Gelände des weitläufigen Vulindela-Fußballstadions und künden vom großen Ereignis, auf das sich Menschen aus dem umliegenden Wohnstätten und Schulen fieberhaft vorbereiten und die meisten von ihnen sich regelrecht freuen. Selbst das Wetter verhält sich wie eigens dafür geschaffen! Was war vorgefallen? Erinnerung an Reinigungsrituale Meine Gedanken schweifen bis in die frühe Kindheit zurück. Erzählungen von damals über Zeremonien wie ukuHlambulukelana und iHlambo kommen mir in den Sinn: „mit- und untereinander wieder ins Reine kommen“; „Reinwaschung/Läuterung“; „Unversehrtheit und Tadellosigkeit wiedererlangen; Anstand“, „Respekt und Würde wiederherstellen“. Meine Groß- und Urgroßeltern sollen in ähnlichen Situationen jene Riten vollzogen haben, um den unsichtbaren Schatten zu entrinnen und die plagenden Albträume loszuwerden, die sie verfolgten, wenn ihre Hände infolge von Angriffen und Vergeltungsschlachten, die sie hatten ausfechten müssen, mit Menschenblut befleckt worden waren und davon unbedingt gereinigt werden mussten, ehe der Alltag wieder einkehren konnte. Meine Vorfahren, so wurde mir erzählt, unterzogen sich in solchen Fällen einer rituellen Behandlung unter Aufsicht eines anerkannten Heilers (inyanga), bei der ihnen etliche Heilmittel verabreicht wurden – izintelezi (um böse Kräfte zu vertreiben und fernzuhalten), imibhemiso (Inhalier- und Räucherstoffe mit anregender oder beruhigender Wirkung), imbiza (Kräutersud als Einlauf- oder Brechmittel, um Giftstoffe auszuschwemmen) und amakhubalo (Heilkräuter, um Heilung und Genesung voranzutreiben, Erkältungen und Erkrankungen vorzubeugen und böse Kräfte abzuwenden und zu vertreiben). Von dem Opfertier (vornehmlich einem weißen Ziegenbock, imbuzi emhlophe), das rituell-korrekt ausgesucht und geschlachtet wurde, nahm man das Blut und einige Teile für das Reinigungsritual, dem sich alle vor Morgendämmerung um die Feuerstelle in der Haupthütte zu unterziehen hatten. Zerbrochen, verbrannt und begraben wurden alle Tötungsgegenstände, und die Teilnehmenden gingen anschließend zum Fluss und kamen von Kopf bis Fuß gewaschen zurück. Für die Feier am darauf folgenden Tag, bei der jede und jeder aus nah und fern willkommen ist, wurden ein oder mehrere Rinder geschlachtet und Unmengen Bier gebraut. Meine Groß- und Urgroßeltern, so erzählten meine Eltern weiter, würden anschließend bis in die frühen Morgenstunden in tiefem Gespräch untereinander, aber auch mit den abaphansi („denen da unten“ = den Ahnen) verweilen – als säßen die abaphansi mit dabei – und würden dadurch gemeinsam Neuland betreten und die ersten Gehversuche unternehmen als solche, die „miteinander jenseits begangener und erlittener Untaten neu anfangen“ wollen. Dies nannten sie ukubuyisana und ukukhumelana umlotha (sich gegenseitig Asche auf die Zunge tun zum Zeichen des beidseitigen Entschlusses, den Konflikt für beendet zu erklären). Ganz anders hat man in Vulindlela das Reinigungs- und Versöhnungsritual vollzogen. Darüber dringt nichts nach außen und dabei bleibt es. Worte, Wünsche und Gesten Als König Zwelithini, konstitutioneller Monarch in der Provinz KwaZulu-Natal, und sein Gefolge das Stadion betreten und der Rezitator anfängt, der Zeremonie den ihr gebührenden Rahmen zu geben, indem er die Geschichte des südostafrikanischen Erdteils mit den Worten aus izibongo zeNkosi uShaka, den Lobpreisungen auf den König Shaka, Gründer des Zulu-Volkes, umreißt, beginne ich zu begreifen, wie tief greifend und zukunftsweisend die Versöhnungsbestrebungen der Überlebenden von Vulindlela sind und sein können für die Menschen in ganz KwaZulu-Natal heute. KwaZulu-Natal ist das Zuhause der zahlenmäßig größten Bevölkerungsgruppe und eines der am buntesten und vielfältigsten zusammengesetzten Bevölkerungsanteile des Landes und des Südlichen Afrika. Die Worte, die der König später in seiner Rede wählt, um die guten Absichten der sich versöhnenden Gemeinschaften zu würdigen, Jung und Alt anzuspornen und zu rügen, Quertreiber und Unruhestifter zu ermahnen und den sich Versöhnenden den Rücken zu stärken und Mut zuzusprechen, werden von schätzungsweise zwanzigtausend Mitfeiernden im und am Stadion aufmerksam belauscht. Präsident Jacob Zuma, KwaZulu-Natal-Ministerpräsident Dr Zweli Mkhize und iNkosi Sondelani Zondi, Ortsvorsteher der gastgebenden Gemeinde kwaShange, unterstreichen und betonen in ihren Vorträgen eindringlich und überzeugend die tiefempfundene Verpflichtung zur ukubuyisana. „Nkosi sikelel’ iAfrika!” – ein Text, der besser geeignet wäre, um in gemeinsamem Gesang das stattfindende Beisammensein mit seinen vielen Dimensionen, Facetten und Perspektiven im Sinne einer Zusammengehörigkeit jenseits erlittener Grausamkeiten zu erfassen und wirken zu lassen, hätte nicht gefunden werden können! Nicht einmal das ziemlich umfangreiche Aufgebot von Sicherheitsmaßnahmen, die Schutz gewähren und unbeschwertes Feiern gewährleisten sollen, vermag es, die fröhlichen Gesichter und die geschmackvollen, farbenfrohen Kostüme auch nur ansatzweise in den Schatten zu stellen. In kleinen und größeren Gruppen schlendern Junge und Ältere umher, nehmen hier und dort Platz, einige summen oder singen und tanzen dazu, andere sitzen etwas auf Distanz und schauen amüsiert, wie das Fest sich entfaltet und sie mit einschließt. UMbimbi lweziNsizwa, die Clique älterer Männer, der zu verdanken ist, dass der Prozess der Versöhnung, der heute im Mittelpunkt der Feier steht, überhaupt gestartet werden konnte, lässt sich dazu überreden, nach vorne zu treten, um von allen gesehen und gedankt zu werden: Tosender, lang anhaltender Beifall! Es waren die sechs Repräsentanten religiöser Organisationen der inkolo yendabuko (Ahnenkult und indigene Weltanschauung), post-missionarischer indigener Glaubensgemeinschaften (AbakwaShembe – the Nazarene Baptists), post-missionarischer Mainstream-Glaubensgemeinschaften (Christentum) sowie des Islam und des Hinduismus, die durch ihre Anwesenheit und ihre kurzen aber aussagekräftigen Beiträge zum gemeinsamen Eingangsgebet haben deutlich werden lassen, wie vielfältig und breit gefächert die Einwohnerschaft von KwaZulu-Natal ist und was für einen besonderen Stellenwert der Glaube in ihrem Alltag inne hat. Die Predigt durch Dr. Khoza Mgojo, einer der Persönlichkeiten und Aktivisten, die in jenen Jahren in dieser Region unermüdlich hatten einschreiten müssen, um zu schlichten, trösten und zu heilen, spannte den Bogen und stellte die Weichen dafür, dass die Feier ausgelassen und fröhlich werden konnte, ohne an Tiefe und Sinn zu verlieren. „Zeremonielle Waffen“ heute und in Zukunft Der Auftritt eines Solisten und eines Männergesang-Ensembles mit modernen, mitreißenden, frommen Liedern auf der Bühne ergänzt sich vorzüglich mit der alles bestimmenden Präsenz traditionell gekleideter Tanzformationen jüngerer und älterer Frauen und Männer, die mit ihrem unverkrampften Auftreten individuelle Showtänze und choreographierte Gemeinschaftsvorführungen darbieten, bei denen auch einige Gäste – unter ihnen Ministerpräsident Mkhize höchstpersönlich – spontan mitmachen und sich sichtlich amüsieren. Das eine oder andere in Gedanken versunkene Gesicht in der Menge der Zuschauenden lässt jedoch erahnen, welche anderen Gefühle und Fragen bei aller Fröhlichkeit unausgesprochen mitschwingen, zumal notorische Anführer der Todesschwadronen von einst nun auch einfach dazu gehören und mittanzen. Die fünfzehn Traktoren, die die Regierung und das Königshaus den sechs sich versöhnenden Gemeinschaften schenkt, um deren Bestrebungen um ukubuyisana und ukukhumelana umlotha zu würdigen, werden als Quelle der Ermutigung und als Hinweis darauf aufgefasst, dass „der Erfolg eines Versöhnungsprozesses von den vielen, kleinen, täglichen Versuchen abhängt, miteinander die Atemluft zu teilen, zu essen und zu wachsen“. Das Land zu bestellen und Nahrungsmittel zu erzeugen, sei der am meisten geeignete Rahmen für sinnvolle Anstrengungen zum Miteinanderwachsen, bekräftigt einer vom Trägerkreis uMbimbi lweziNsizwa. In den Alltag zurückgekehrt – auf dem Weg zur Schule oder zur Arbeit am darauffolgenden Tag – werden die Mitfeiernden von Vulindlela den bisherigen Stein des Anstoßes bereits hinter sich wissen und sich als Teil einer sich versöhnenden Gemeinschaft der Zukunft entgegen bewegen. Sie werden hoffentlich auch diejenigen anspornen und mit auf den Weg nehmen können, die noch zu sehr trauern und traumatisiert sind, um schon von Vergeben und Versöhnen reden zu können, oder die – wie einige Schlüsselfiguren in einer der Konfliktparteien von damals, iNkatha (IFP) –, die aus welchen Gründen auch immer der Einladung nicht gefolgt waren, oder die – wie die vielen anderen aus benachbarten Siedlungen „amaNdiya, amaKhalathi, abakhusele kuleli nabeLungu“ (Inder, Coloureds, Flüchtlinge und Weiße) –, die sich einfach nicht eingeladen gefühlt haben könnten, es ihnen gleich zu machen und am weiteren Verlauf des Prozesses mitzumachen, „sich auf halber Strecke zu treffen, um gemeinsam weiter zu ziehen“. Von unten und vom Rande her Hinzu kommt, dass man in Vulindlela ohnehin bestenfalls am Rande jenen Gefüges angesiedelt ist, das in den Blick gerät, wenn staatlicherseits im Post-Apartheid-Südafrika mal gezielt nach Ursachen von Missständen gefahndet und Förderungsmaßnahmen bewilligt werden: Eine mehrfach „marginalisierte“ Gemeinschaft gerät in Bewegung, entdeckt und mobilisiert selbstbestimmt ihr Potenzial und ihre Stärken. Den begünstigenden Sternenhimmel einer rechtsstaatlichen Demokratie nützt die Gemeinschaft dazu, im eigenen Bereich untereinander ins Reine zu kommen und gemeinsam „das Feld neu zu bestellen“. Fazit: Dass die Menschen von Vulindlela – von unten und vom Rande her kommend – es mit ihrem langwierigen Verständigungs- und Versöhnungsprozess schaffen, mindestens einen Tag lang im Mittelpunkt öffentlichen Interesses zu stehen und durch ihr Beispiel Anstöße zu geben, die anderweitig weit über den Tag hinaus Schule machen könnten, ehrt sie, spornt an und wird zumindest für sie und ihre Nachbarn gewiss nicht ohne nachhaltige Auswirkung bleiben. Literatur: Anthea J. Jeffery, 1997. The Natal Story: Sixteen Years of Conflict. Johannesburg: South African Institute of Race Relations. (pp. 900) John Wright, 1988. “Background to political violence: Pietermaritzburg region 1987-1988” in “Pietermaritzburg 1838–1988: a new portrait of an African city”, edited by John Laband and Robert Haswell (Pietermaritzburg: University of Natal Press and Shuter & Shooter), pp. 221–222. Mxolisi R Mchunu, 2007. “Culture change, Zulu Masculinity and intergenerational conflict in the context of civil war in Pietermaritzburg (1987-1991)” in “From Boys to Men. Social constructions of masculinity in contemporary society” edited by T Shefer, K Ratele, A Strebel, N Shabalala and R Buikema, Cape Town: Juta & Company. ISBN 978-1-91989-503-1 (225-240) Jeff Guy, 2005. “War, Law and Ritual” in Jeff Guy “The Maphumulo Uprising. War, Law and Ritual in the Zulu Rebellion” Pietermaritzburg (University of KwaZulu-Natal Press) ISBN 1-86914-049-6 (217-265)Ben Khumalo-Seegelken, 2009. UKUBUYISANA, http://www.benkhumalo-seegelken.de/dokumente/UkuBuyisana_2011.doc (03.11.2010) Dr. Ben Khumalo-Seegelken (60), Theologe, Sozialwissenschaftler und Menschenrechtsaktivist, lebte in iMbali bei Pietermaritzburg und arbeitete am Bildungs- und Tagungszentrum „Edendale Lay Ecumenical Centre“ mit Jugendlichen und Jugendorganisationen in und um Edendale und Vulindlela, bis er im Widerstand gegen die Apartheid 1975 der drohenden Festnahme hat entkommen können und in Deutschland Zuflucht fand. Von dort aus wirkte er mit Exil- und Solidaritätsorganisationen „weiter am ‚Struggle’ mit“. Im Post-Apartheid-Südafrika arbeitet Ben mit früheren und neueren Verbündeten in vielen Initiativen und Projekten in beiden Ländern zusammen. Dazu gehört auch die Organisation „Sinani/KwaZulu-Natal Programme for Survivors of Violence“ in Pietermaritzburg. |
Die Fachzeitschrift afrika süd,
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